Entsorgung von Abfällen eines stillgelegten Galvanik-Betriebes

UNTER SCHWIERIGEN BEDINGUNGEN

Projekt:Entsorgung von Abfällen eines stillgelegten Galvanik-Betriebes
Zeit:Mai 2000 bis 2001
Aufgabe:Im Mai 2000 stellte ein Unternehmen der Galvanikbranche in Südhessen einen Insolvenzantrag. Die Produktion - Beschichtung von Metall- und Kunsstoffteilen mit verschiedenen Metallen - wurde eingestellt.
Lösung:Zunächst wurden mehrere sogenannte HSOG-Maßnahmen (Hessisches Gesetz über die öffentliche Sicherheit und Ordnung) vom zuständigen Umweltamt des Regierungspräsidiums in Zusammenarbeit mit der HIM GmbH eingeleitet. Dabei handelte es sich um abfallrechtliche Sofortmassnahmen zur Beseitigung des akuten Gefahrenpotentials, wie sie auch bei Verkehrsunfällen, deren Folgen umweltgefährdend sind, ergriffen werden.

Das Umweltamt beauftragte die HIM GmbH im Anschluss daran mit der Erfassung und der Beprobung der noch auf dem Gelände vorhandenen Chemikalien, um das verbleibende Gefahrenpotential abschätzen und die Entsorgungsprioritäten und -arten bestimmen zu können.

Es zeigte sich bald auf, dass eine flexible und ganzheitliche Gesamtlösung für diese Entsorgungsmaßnahme angebracht war. Im Dezember 2000 erbrachte die HIM GmbH die Erfassungs- und Beprobungsdienstleistungen über einen Zeitraum von über einer Woche mit jeweils 5 Mitarbeitern. Wie anspruchsvoll dieses Projekt werden sollte, wurde bereits bei den ersten Ortsbegehungen deutlich: Nach dem Abschalten der Badabsaugungen bildete sich durch chemische Reaktionen der aus verschiedenen Quellen entstehenden sauren und alkalischen Dämpfe und Ausgasungen ein Nebel in den Produktionsräumen.

Deshalb war Arbeitssicherheit oberstes Gebot: Um gesundheitliche Beeinträchtigungen der eingesetzten Mitarbeiter zu vermeiden, wurde die Beprobung unter Vollschutz bzw. mit Gasmasken durchgeführt.

Eine brisante Aufgabe war dabei im Vorfeld schon gelöst worden. Im Rahmen der Beprobung und Erfassung waren ungesicherte Behälter mit Abfallchemikalien u. a. aus Garagen und einem Holzschuppen an vorher freigeräumten Plätzen in der Haupthalle zusammengestellt und mit Kunststoffsäcken gegen eindringendes Regenwasser abgedeckt worden.

Es wurden ca. 220 Proben flüssiger Abfälle aus Galvanikbädern und Lagerbehältern gezogen, die im Labor der HIM Frankfurt nach diversen Voranalysen (TOC, pH-Wert, Cyanide) zu Mischmustern mit anschließender Behandlungsanalyse für die dortige CP-Behandlung geprüft und abfall- und behandlungsspezifisch zusammengestellt wurden.

Weitere ca. 70 Proben unbekannter Feststoffe/Flüssigkeiten wurden für eine Annahme in der Sonderabfallverbrennungsanlage Biebesheim in dem dortigen Labor (Ausschlusskriterien, Röntgenfluoreszensanalyse, pH-Wert, Cyanide) analysiert.

Der Großteil der erfassten Restchemikalien konnte anhand der Produktbezeichnung und der vorliegenden Sicherheitsdatenblätter der jeweiligen Hersteller definierten Abfallgruppen zugeordnet werden, so dass eine noch längere Analysedauer vermieden werden konnte.

Auf der resultierenden Chemikalienliste befanden sich nach der zweimonatigen analytischen Bewertung insgesamt ca. 980 erfasste Einzelpositionen an Rest- und Galvanikchemikalien, die jeweils mit einer entsprechenden Entsorgungs- und Verpackungsvorgabe versehen wurden. Analysieren, Auswerten und Zuordnen zu chemischen Gruppen waren Aufgaben, die einen immensen Aufwand darstellten. Der Schwerpunkt lag hier bei dem Zusammenfassen von flüssigen Einzelchargen zu größeren Transporteinheiten, um einen möglichst geringen Transportaufwand bei gleichem Behandlungsaufwand zu erreichen. Hier konnte die HIM-Sammelstelle Frankfurt als logistischer Funktionsträger gut genutzt werden.

Aus vorgegangener Schilderung wird ersichtlich, welch große Bedeutung eine kompetente Beprobung und Analyse für eine effiziente Entsorgung hat. Dabei spielen sowohl Kostengesichtspunkte als auch technische Aspekte sowie Arbeitschutz und Transportvorgaben eine Rolle - ebenso wie der Zusammenhang zwischen allen.

Als entsorgungstechnisch besonders herausfordernd entpuppten sich bereits bei der Erfassung und Analyse die in vielen unterschiedlichen Behältern gesammelten Salzreste, Schlämme, Filterkiese und verbrauchten Ionenaustauscher.

Da diese Stoffe vom Betreiber überwiegend ohne Beachtung der Inhaltstoffe in Fässern oder andern Behältern gesammelt und vermischt worden waren, ergaben sich hier sehr uneinheitliche Abfallgemische mit nicht vollständig abschätzbaren Abfalleigenschaften und Gefahrenpotentialen (Reaktionen und Ausgasungen beim Vermischen). Diese Stoffe mussten daher, um eine gefahrlose Entsorgung zu gewährleisten, zur kontrollierten Reduktion des Gefahrenpotentials, der Sonderabfallverbrennungsanlage der HIM in Biebesheim zugeführt werden.

Ein ähnliches Bild ergab sich bei der Prüfung der in den Behandlungs- und Lagertanks vorliegenden Schlämme. Hier wurden von dem ehemaligen Betreiber großteils ohne Berücksichtigung der chemischen-toxischen Eigenschaften und Reaktionen die unterschiedlichsten in der Galvanik angefallenen Spül- und Abwässer vermischt und gelagert.

So wurde bereits bei im Jahr 2000 erfolgten Anlieferungen cyanidbelasteter Schlämme aus der Abwasserbehandlung festgestellt, dass diese z. T. zusätzlich zu den Cyaniden, Chrom (III)-Verbindungen enthielten und teilweise in einem sauren Medium vorlagen. Die chemische Behandlung solcher Stoffgemische ist - bedingt durch die im sauren Medium entstehende Blausäure - äußerst gefährlich und durch die Kombination mit Chrom (III)-Verbindungen und komplexierten Cyaniden behandlungstechnisch sehr aufwendig und teuer.

Als Badchemikalien mit einem erhöhten Gefahrenpotential wurden Cyanid-, Chrom (III)/(VI)-, Blei-, Kupfer-, Nickel-, Zinn- und Zinkverbindungen festgestellt, weiterhin wurde bei einer Galvanikstrasse Hydrazin eingesetzt.

Die wichtigsten zur Oberflächenkonditionierung (Beizen, Aktivierung, Passivierung) und der pH-Wert Einstellung eingesetzten Chemikalien waren u. a. Natronlauge, Salzsäure, Schwefelsäure, Ammoniumfluoridlösung und Salpetersäure.

Nach einer Prüfung der Vorortbehandelbarkeit schwach belasteter Bäder und Abwässer konnten diese ebenfalls über die HIM entsorgt werden. Die Möglichkeit, verschiedene potenziell behandelbare Schlämme in der installierten Abwasserbehandlungsanlage auf dem Gelände zu entgiften/ neutralisieren, wurde nicht umgesetzt.

Gründe für diese Entscheidung waren unter anderem:
  • die Notwendigkeit eines aufwendigen mechanisch- elektronischen Funktionstests der bestehenden Anlage, der mehrere Tage in Anspruch genommen hätte, mit ungewissem Ausgang bezüglich Einsatzfähigkeit und notwendiger Reparaturen
  • eine Unsicherheit bezüglich des Behandlungsvermögens der vorhandenen Anlage, um aus den vorliegenden komplexbelasteten Spülbädern ein gemäß der Einleitbedingungen der Kommune einleitfähiges Abwasser zu erreichen
  • ähnliche Kostenstruktur wie bei einer kalkulierbaren Entsorgung über die HIM

Die Entscheidung gegen die Vorort-Behandlung fiel also nach Abwägung technischer, ökologischer und ökonomischer Aspekte.

Aus Arbeitsicherheitsgründen wurden, um die bereits oben angeführte "Nebelbildung" innerhalb der Produktionsräume möglichst schnell zu reduzieren, vorrangig die hierfür relevanten Bäder lokalisiert und beseitigt.

Praktizierter Umweltschutz steht nicht zwingend in Widerspruch zu Kostenverantwortung und Effizienz. Allerdings musste in diesem Projekt "gut Ding Weile haben": Es zeigte sich, dass qualitätsorientierte Arbeit unter Umständen sehr zeitaufwendig ist.

Wie zum Teil in der Praxis mit umweltrelevanten Stoffen umgegangen wird, zeigten die im Hallenbereich neben einer Galvanikstraße gefundenen, mit Restchemikalien gefüllten und teils offenen Fässer. Auch hier waren die unterschiedlichsten Konzentrate (Chromsäurebäder, cyanidische Bäder und andere Konzentrate) ohne ersichtliche Systematik abgestellt.

Bei den Absaug- und Verpackungsarbeiten wurde festgestellt, dass sich in einigen Galvanikbädern erhebliche Mengen an Schrott und verunreinigten Betriebsmitteln befinden. Weiterhin waren 2 Chromatbäder aus der Kunststoffgalvanik zu 70% auskristallisiert, bei denen eine Entleerung/Reinigung des Bades ohne Zerlegen des betreffenden Bades nicht möglich war. Ein weiteres Chromatbad war zu 30% auskristallisiert, dieses Bad konnte nur unter einem sehr hohen Zeitaufwand entleert und gereinigt werden.

In anderen Bädern befanden sich ebenfalls innen und außen erhebliche Mengen an Salzkrusten, die mechanisch entfernt werden mußten. Auch die hier angefallenen Abfälle wurden den entsprechenden Abfallgruppen zugeordnet und entsorgt. Die Zuordnung erfolgte soweit möglich zur Untertagedeponie. Bei dem Vorliegen von Bestandteilen, bei denen eine Bildung von explosiven Gas-Luft-Gemischen entstehen könnte, wurden die Abfälle zur Sonderabfallverbrennungsanlage Biebesheim gebracht.

Dieses Projekt war selbst für einen erfahrenen Entsorgungsdienstleister wie die HIM GmbH eine Herausforderung, was Komplexität der Aufgabe und Flexibilität der Lösung betrifft. Und zwar nicht nur wegen des Gesamtvolumens von über 1 Millionen Euro für Transport, Verpacken, Entsorgen und Analysieren seit Mai 2000. Stets war ein Zeitdruck und die Öffentlichkeitsrelevanz (der Betrieb liegt in einem Wohn-Misch-Gebiet) zu beachten. Im Rahmen des Projektes wurde einmal mehr deutlich, dass eine gute Entsorgungslösung alle wirtschaftlichen, technologischen und ökologischen Aspekte zu berücksichtigen hat. Der Kompetenz der Mitarbeiter und der Verpflichtung gegenüber dem Kunden kommt angesichts der Komplexität dieser Aufgabe eine tragende Rolle zu. Mit standardisierten Verfahren wäre man hier nicht weit gekommen.
Entsorgte Mengen:über 500 t galvanik spezifische Abfälle